Как немецкий министр Гегеля цитировал - оригиналы на немецком
1 ВЫСТУПЛЕНИЕ МИНИСТРА
Lauterbach: „Die Freiheit gewinnen wir durch die Impfung zurück.“
Bundegesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach macht sich in der Orientierungsdebatte zur allgemeinen Impfpflicht im Deutschen Bundestag als Abgeordneter stark für die Einführung einer Impfpflicht, um für den Herbst gerüstet zu sein.
Prof. Dr. Karl Lauterbach:
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen!
Ich möchte mich zunächst einmal für die hervorragende Debatte bedanken, von der ich sehr profitiert habe und aus der ich viel mitgenommen habe. Ich hatte an dieser Stelle ja schon oft gesagt: Das ist keine Gelegenheit für Parteipolitik. - Von sehr wenigen Beiträgen abgesehen, haben wir die Gelegenheit heute genutzt, und dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken.
Ich möchte auch darauf hinweisen: Mein Haus bearbeitet alle Anträge. Wir unterstützen logistisch, in rechtlicher Hinsicht, in medizinischer Hinsicht. Auch die Anträge, die mir persönlich nicht gefallen, werden unterstützt. Das gilt ausdrücklich auch für Anträge, die vielleicht noch aus den Reihen der Union kommen werden.
Alles wird gleichermaßen unterstützt, und dafür stehe ich zur Verfügung.
Wir kämpfen derzeit mit einer neuen Variante, mit der Omikron-Variante. Die Omikron-Variante befällt auch Geimpfte, und die Verläufe sind leichter. Vielleicht ist das die Alternative zur Impfung. Vielleicht brauchen wir die Impfpflicht gar nicht mehr; vielleicht ist die Omikron-Variante der Weg aus der Pandemie heraus in die Endemie, ohne dass wir die Impfpflicht nötig hätten. Das ist leider nicht so.
Zum Ersten ist es bereits jetzt so, dass die Modelle des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass diejenigen, die nicht geimpft sind, von der Omikron-Variante bedroht sind und wir wahrscheinlich mit Belegungen der Intensivstationen mit bis zu 5 000 Menschen rechnen müssen. Zum Zweiten gibt es international so gut wie keinen Wissenschaftler, der mir bekannt wäre, der sagt, die Omikron-Variante wäre die letzte Variante, mit der wir zu rechnen haben.
Und zum Dritten ist es auch noch so, dass wir Varianten erwarten müssen, die sowohl die Escape-Mutationen der Omikron-Variante wie auch die Fitnessvariantenanteile der Delta-Variante enthalten, sodass wir sozusagen die Ansteckung mit der Omikron-Variante und den schweren Verlauf der Delta-Variante erleben könnten. Vor diesen sogenannten rekombinierten Varianten haben wir Angst. Wenn wir dies im Herbst sicher vermeiden wollen, dann ist der einzige Weg eine Impfpflicht, mit der wir uns alle gegenseitig schützen. Und damit müssen wir jetzt beginnen.
Ich möchte auch ausdrücklich darauf hinweisen: Wir kommen nicht weiter, indem wir das Problem von uns wegschieben.
Der Kollege Krings hat eben in seiner Rede gesagt - einiges davon teile ich, anderes nicht -: Wir können das doch erst mal abwarten; wir müssen so etwas wie einen Vorratsbeschluss haben. - Das ist medizinisch nicht machbar. Wir brauchen für die Umsetzung der Impfpflicht mindestens fünf bis sechs Monate. Das heißt, wenn wir die Impfpflicht jetzt beschließen und dann umsetzen, dann sind wir im Herbst gerüstet.
Wenn wir das Problem von uns wegschieben, dann wird das Problem mit voller Stärke zurückkommen. Das können wir den Kindern, den Pflegekräften, den Ärzten und den gefährdeten und belasteten Menschen, die wir nicht impfen können, nicht weiter zumuten. Wir müssen handeln!
Ich höre auch immer wieder, dass fälschlicherweise behauptet wird, die Impfpflicht stünde der Freiheit im Wege, sie stünde der Freiheit entgegen. Ich sage so viel: Die Freiheit gewinnen wir durch die Impfung zurück.
Es ist das Virus, das uns belagert. Hegel hat einmal gesagt - und er hatte in dieser Hinsicht recht -: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit.“ Das ist der Punkt, an dem wir derzeit sind. Wir werden nicht zurückkommen zu dem Leben, das wir geliebt und geschätzt haben, ohne dass wir jetzt den Spaten drehen, ohne dass wir uns gemeinsam entscheiden. Die dreifache Impfung ist der sichere Weg, diese Freiheit zurückzuerlangen.
2 ВТОРАЯ СТАТЬЯ на WELT:
Das falsche Hegel-Zitat, das Lauterbach im Bundestag verwendete
Veröffentlicht am 28.01.2022 | Lesedauer: 4 Minuten - Von Jörg Phil Friedrich
Der Bundesgesundheitsminister zitiert im Bundestag einen großen Philosophen. Urheber des Satzes ist aber ein ganz anderer Denker. Beiden wird man nicht gerecht, wenn man mit dem Zitat heute die Impfpflicht begründet. Denn mit „Notwendigkeit“ war nicht gemeint, was wir darunter verstehen.
Freiheit sei die Einsicht in die Notwendigkeit, soll Hegel gesagt haben. So behauptete es Karl Lauterbach in der Bundestagsdebatte zur Impfpflicht und meint damit wohl, den Philosophen für eine Rechtfertigung der Impfpflicht einspannen zu können. Das Problem: Hegel hat das nie gesagt, und auch nicht gemeint in einem Sinne, in dem der Satz heute so gern zitiert wird.
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Hegel starb bei der Cholera-Pandemie 1831
Dass Hegel einer der wichtigsten Philosophen der Freiheit gewesen ist, ist heute unter Kennern unstrittig, allgemein aber unbekannt. Wenig überraschend also, dass er sich an vielen Stellen seines Werks mit dem Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit befasst hat. In den „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ gibt es z.B. einen Abschnitt über „Die Notwendigkeit“. Dort heißt es z.B.: „Die Gesinnung, sich der Notwendigkeit zu unterwerfen, wie sie bei den Griechen war …, hält wohl in sich die Freiheit, aber es ist nur die ansichseiende, formelle Freiheit; vor der Notwendigkeit gilt kein Inhalt, kein Vorsatz, keine Bestimmtheit, und darin besteht noch ihr Mangel.“
Eine „Gesinnung, sich der Notwendigkeit zu unterwerfen“, das schwebt Lauterbach und all denen wohl vor, die heute sagen, dass Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit sei. Aber das bloße Anerkennen von Kausalität, von Wenn-Dann-Beziehungen, das ist für Hegel nur „äußere Notwendigkeit“, die „eigentlich zufällige Notwendigkeit“ ist, die somit aber gerade noch nicht Freiheit ist.
Die „Wahrheit der Notwendigkeit ist somit die Freiheit“, schreibt Hegel in der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, und das bedeutet, dass die Notwendigkeit in der Freiheit aufgehoben ist. Wenn ich tatsächlich frei handle, dann ist auch Notwendigkeit in meiner Handlung. Dies bedeutet aber viel mehr, als dass ich irgendwelche äußeren, zufälligen Notwendigkeiten anerkenne, und schon gar nicht, dass ich mich ihnen unterwerfe. Es bedeutet, dass ich mich frei für einen Weg entscheide, den ich für notwendig halte, von dem ich weiß, dass ich ihn gehen muss. Luther, dem der Satz zugeschrieben wird, „hier stehe ich, ich kann nicht anders“, hat frei und zugleich aus der Einsicht in das gehandelt, für ihn notwendig war
Deshalb beantwortet Hegel die Frage nach der sittlichen Erziehung auch (griechische Denker paraphrasierend, in der Rechtsphilosophie), man solle sein Kind „zum Bürger eines Staats von guten Gesetzen“ machen – wohlgemerkt, nicht zum guten Bürger. Zur Freiheit und zur Sittlichkeit gehört, dafür zu sorgen, dass der Staat gute Gesetze hat, sodass man in ihm ein freier Bürger sein kann.
Das Zitat stammt von Engels
Die Behauptung, Hegel hätte gesagt, Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit, stammt von Friedrich Engels. Engels schreibt im Anti-Dühring: „Hegel war der Erste, der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit richtig darstellte. Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit. ‚Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird.‘ Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.“
Der Satz, den Engels da zitiert, steht im § 147 der Enzyklopädie, darin kommt das Wort Freiheit allerdings nicht vor. Auch das, was Engels da schreibt, ist bedenkenswert, und vielleicht war für seine Zeitgenossen der Begriff der Notwendigkeit noch nicht so vereinfacht, wie wir ihn heute verwenden, sodass seine Leser in seiner Verkürzung noch den ursprünglichen Hegel gelesen haben. Das, was diejenigen meinen, die heute meinen, Hegel oder Engels für die Impfpflicht in Anspruch nehmen zu können, hatten beide jedenfalls nicht im Sinn.
Wer für sich die Notwendigkeit spürt, sich impfen zu lassen, der handelt frei, wenn er sich impfen lässt. Wer aber aufgrund einer gesetzlichen Pflicht mit Androhung von Strafen, die womöglich die eigene Existenz gefährden, entscheidet, sein Unbehagen zu ignorieren, seine Zweifel zum Schweigen zu bringen und seinen Widerstand aufzugeben, der sagt vielleicht am Ende, dass es notwendig war, dies zu tun, aber mit wirklicher Freiheit hat das nichts zu tun.
3 ТРЕТЬЯ СТАТЬЯ НА FAZ.NET:
HEGEL UND LAUTERBACH
Kein Einzelner kann frei sein VON HAZIRAN ZELLER
- -AKTUALISIERT AM 03.02.2022-16:27
Karl Lauterbach hat in der Bundestagsdebatte am 24. Januar die Impfpflicht mit dem Philosophen Hegel begründet. Ist das Zitat korrekt – und stimmt die Deutung des Ministers?
Die Pandemie hat uns an die Verwendung philosophischen Vokabulars in der Tagespolitik gewöhnt. Aus Immanuel Kants kategorischem wurde der virologische Imperativ. Der neue Bundesgesundheitsminister hat nun den berühmten Schritt von Kant zu Hegel gewagt, also den Gang des deutschen Idealismus komplettiert, indem er den letzteren in der Bundestagsdebatte zur Impfpflicht am 24. Januar mit dem Satz zitierte, Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit.
Ist dieser Satz aber überhaupt belegbar? Jörg Phil Friedrich stellte in der Tageszeitung „Die Welt“ die These auf, der Minister habe „das falsche Hegelzitat“ verwendet. Damit steht die Genauigkeit in der Anwendung wissenschaftlicher Lehren auf die Politik infrage, für die Lauterbach als Gesundheitsökonom und Epidemiologe steht wie sonst nur Greta Thunberg und Christian Drosten.
In der Tat ist der Satz so, wie Lauterbach ihn zum Besten gegeben hat, nicht bei Hegel, sondern bei Friedrich Engels zu finden. Dieser hat in seinem „Anti-Dühring“ über die Beziehung des Menschen zur Natur nachgedacht: Die uns umgebende Welt sei durchherrscht von Kausalität, der auch wir uns als Erdenwesen zu unterwerfen hätten. Springen wir zum Beispiel vom Boden ab, werden wir nach einer kurzen Zeit wieder auf ihm landen – die Schwerkraft lässt sich nicht aushebeln. Sie ist also notwendig und schränkt unsere Willkür insofern ein, es sei denn, uns gelingt es, andere Naturgesetze gegen sie zu mobilisieren. Schaffen wir es etwa, mithilfe der Strömungsmechanik ein Flugzeug zu konstruieren, das sich der Erdanziehungskraft temporär durch einen Auftrieb entzieht, haben wir den Naturzwang durch Anwendung unseres Wissens gebrochen.
So kam Engels zu seinem Satz. Ihm ging es darum, dass sich die Menschheit im Laufe der Geschichte durch die Natur von der Natur befreit hat: „Freiheit besteht also in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur; sie ist damit notwendig ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung.“ Ohne jeden Zweifel ist dies eine Variation der Position Hegels, dessen Philosophie teleologisch ist, also von zielgerichteten Prozessen handelt, was in der Geschichte zu einem Entwicklungsimperativ wird: Der Mensch muss sich, wie Engels es beschrieben hat, aus den Zwängen der Natur herauskämpfen, sich zum Geist entwickeln und auch diesen letztlich emanzipieren.
Freiheit ist mehr als Willkürfreiheit
Engels mag sich also im Wortlaut vergriffen haben, den Geist des Hegelschen Gedankens traf er ziemlich genau, weshalb es nicht ganz korrekt ist, wenn Friedrich nun behauptet: „Hegel hat das nie gesagt und auch nicht gemeint.“ Sogar auf das Hauptwerk, die „Wissenschaft der Logik“, könnte sich berufen, wer die Hegelinterpretation von Engels verteidigen wollte, dort ist, wo die Kategorie der Notwendigkeit entwickelt wird, explizit auch von Freiheit die Rede.
Und Lauterbach? Ihm geht es selbstverständlich nicht um die Befreiung des Menschen, sondern darum, dem Impfgegner zu begegnen, der sich auf seine persönliche Freiheit beruft, wo er die Verfügungsgewalt des Staates über seinen Körper ablehnt. Ihm antwortet Lauterbach: Freiheit ist mehr als Willkürfreiheit, es gehört auch Einsicht dazu! Wer frei sein will, kann sich nicht auf seinen Willen allein berufen, es muss ein substantieller Gedanke hinzukommen. Auch diese Überlegung steht im Einklang mit Hegels Philosophie, für den Freiheit an Wahrheit gekoppelt ist, also über das bloß Persönliche der Meinung hinausgeht: Ein Einzelner kann demzufolge nicht frei sein.
So ist es zwar ist richtig, Hegel als einen „Philosophen der Freiheit“ (Klaus Vieweg) zu reklamieren, wie nun auch in der „Welt“ geschehen, dabei ist aber an etwas Objektives und Kollektives zu denken, nie an die bloße Freiheit des Einzelwillens. Gleich der Beginn der „Rechtsphilosophie“ stellt dies klar: „Wenn man sagen hört, die Freiheit überhaupt sei dies, daß man tun könne, was man wolle, so kann solche Vorstellung nur für gänzlichen Mangel an Bildung des Gedankens genommen werden, in welcher sich von dem, was der an und für sich freie Wille, Recht, Sittlichkeit usf. ist, noch keine Ahnung findet.“ Die Frage nach dem entweder solidarischen oder individualistischen Verständnis von Freiheit, die gerade die Gemüter bewegt, hat Hegel für seine Philosophie eindeutig beantwortet. Eine Gesinnungsethik ist mit ihm nicht zu machen.
Hegel und die Pocken-Impfung
Wie das gemeint ist, lässt sich an der Impfpflicht gut vorführen. Denn tatsächlich kam Hegel in seinen Vorlesungen mindestens einmal, im Wintersemester 1824/25, auf epidemiologische Problemlagen zu sprechen. Wir wissen das aus den Mitschriften von Gustav Julius von Griesheim: „Die Frage ist, hat die bürgerliche Gesellschaft das Recht die Aelteren gesetzlich anzuhalten den Kindern die Pocken zu impfen. Dies ist in Baiern der Fall. Die Aelteren werden leicht unwillig über eine solche Verordnung, weil sie sagen, wir werden das schon aus eigenem Herzen thun, man braucht es uns nicht zu befehlen. Befehle werden auf diese Weise oft übel genommen, wie z. B. bei den Armensteuern, wo jeder den Beitrag seiner eigenen Mildthätigkeit anheim gestellt lassen sein will. Allein ist dieß ein unrichtiges Verhältnis in das das Individuum sich zu den Gesetzen stellt.“
Neben der eindeutigen Absage an den Individualismus ist bemerkenswert, dass Hegel, wie heutige Befürworter der Impfpflicht, bei der Pockenimpfung eine Parallele zu anderen politischen Verpflichtungen zieht. Darin steckt eine soziale Romantik: Menschen geben in der Gesellschaft zum Wohl aller etwas von ihrer Freiheit ab – freiwillig schränken sie sich füreinander ein. Man kann das aber auch zynisch lesen: Da wir ohnehin schon zum Steuerzahlen gezwungen sind und unsere Kinder in die Schule schicken – warum sich über die Impfung aufregen? Die bürgerliche Gesellschaft ist eben eine soziale Formation, in welcher der Zwang herrscht. Auf eine weitere Gängelung kommt es gar nicht an.
Hegel verbindet als Dialektiker beide Dimensionen. Sein komplexer Freiheitsbegriff meint äußeren Zwang ebenso, wie er den letzteren auf die subjektive Entscheidung zurückbezieht. Die Menschen sollen gezwungen werden, aber diesen Zwang zugleich selbst wählen: „Die vortrefflichsten Gesetze sind die, die das befehlen, was die Menschen von sich selbst thun, dies ist der eigentlichste, wahre Sinn der Gesetze daß nichts vorgeschrieben ist, als was der eigene Verstand, die Vernunft des Menschen thut, eine Regulierung tritt dann nur bei einem Quantum ein.“ Das Quantum wären heutige Impfgegner. Sie empfinden das Gebotene nicht, das sich von selbst anzeigt und dennoch von staatlicher Seite gesetzt werden muss.
Eine Frage der Vernunft
In diesem Sinn vergleicht Hegel die Impfung mit dem Verbot zu stehlen, das gerade deshalb absolut gilt, weil es selbstverständlich ist: „Das Gesetz hindert nicht, daß das was gesetzlich ist von den Menschen von selbst gethan werden, die Menschen stehlen nicht, nicht weil es verboten ist, sondern sie unterlassen es von selbst. Der Befehl daß die Pocken bis in einem gewissen Alter den Kindern geimpft werden sollen, ist nicht wirkend für die die es von selbst thun, nur auf die Nachlässigen, die es nicht von selbst thun, wirkt das Gesetz äußerlich, die Anderen sind in einem ganz freien Verhältniß.“ Man sieht wohl, wie Hegel sich den Idealstaat vorstellt: Die Vernunft gibt den Befehl, den der Vernünftige von selbst anstrebt, sodass er als äußere Anordnung auch aufgehoben ist.
Das ist mit Sicherheit problematisch. Die Frage ist nur, für wen. Genau genommen steckt in Hegels Vernunftemphase die Allgewalt des Staates ebenso wie dessen Zerstörung: In einer vernünftigen Gesellschaft müsste jeder administrative Zwang überflüssig werden, weil die aufgeklärten Menschen nicht von anderen zu ihrem Glück gebracht werden. Darin steckt ein ganz anderes Verständnis von Notwendigkeit als das heute gebräuchliche – in diesem Punkt zumindest hat Jörg Phil Friedrich recht. Nur dass es seine Position weiter unterminiert. Eine Analyse des Begriffs erhellt, dass in ihm eine Not (ab)gewendet wird. Der Notwendigkeit wohnt ein Solidaritätsgebot inne: Philosophisch zwingend ist, jede materielle Not abzuwenden, welche die bürgerliche Gesellschaft produziert.
Der Stachel der Vernunft richtet sich aus diesem Grund aber nicht allein gegen die willkürfreien Impfskeptiker. Auch die Position ihrer Gegner kann infrage gestellt werden. Es ist nicht konsequent, plötzlich Solidarität einzufordern, diese aber auf die Pandemie Bekämpfung zu beschränken. Hier müsste grundsätzlicher über die Aporien der bürgerlichen Gesellschaft nachgedacht werden. Die Kritische Theorie, die in Hegels Tradition stand, hat deshalb verlangt, den löblichen sozialen Impuls auch zur „bewußten Solidarität des Ganzen“ (Max Horkheimer) zu entwickeln. Insofern ist Karl Lauterbach ein Geniestreich gelungen: Sein richtiges Verständnis eines falschen Zitats hat unfreiwillig auch Friedrich Engels aufs Tapet gebracht. Hegel nannte solche Zufälle, die notwendig sind, Listen der Vernunft.
